Birgit Leichsenring sprach mit Peter (Name geändert), einem HIV-positiven schwulen Mann, über seine persönlichen Erfahrungen und Eindrücke bezüglich HIV/AIDS und der schwulen Szene in Wien.
BL: Lieber Peter, kannst Du mir und den LeserInnen erst einmal etwas zu deiner eigenen Person erzählen?
Peter: Ich bin 42 Jahre alt, mittlerweile selbständig und seit meiner Jugend oft in der wiener schwulen Szene unterwegs. Und seit ca. 14 Jahren HIV-positiv.
BL: Wann hast Du Dein Testergebnis bekommen und wie war das für Dich?
Peter: Das Testergebnis bekam ich 1997 von einem Allgemeinarzt. Auslöser für den HIV-Test war eine Syphilis, wegen der ich zuerst behandelt wurde. Das war eine fürchterliche Zeit, es gab eigentlich keine Beratung oder psychologische Betreuung dazu. Man stellt sich dauernd die Frage: wie wird es weiter gehen? Und bei der Visite sind Ärzte mit lauter Studenten um mich gestanden und haben über mich geredet, als sei ich ein Versuchskaninchen. Um mich hat sich da keiner gekümmert. Das ich im Krankenstand gekündigt wurde und zusätzlich noch arbeitslos wurde, war fast Nebensache.
BL: Hast Du dann gleich mit der Therapie begonnen?
Peter: Ja, nachdem die Syphilis geheilt war, bin ich in eine HIV-Schwerpunktpraxis gewechselt und habe mit der Therapie begonnen. Damals mußte ich 18 Tabletten am Tag nehmen, zu ganz bestimmten Uhrzeiten. Sehr anstrengend. Und es sind auch sofort Nebenwirkungen aufgetreten.
BL: Was für Nebenwirkungen waren das denn und was hast Du dagegen gemacht?
Peter: In den ersten Wochen ging es mir generell schlecht. Dann hatte ich ständig Durchfall. Mittlerweile bin ich beim 5. Therapieregime, weil die Nebenwirkungen unerträglich waren. Das ging von ständiger Müdigkeit, über Haarausfall, bis zu extrem trockenen Schleimhäuten und psychischen Effekten. Mit meiner jetzigen Therapie komme ich gut klar und es sind auch nur noch 2 Tabletten am Tag. Aber jede Therapieumstellung hat Monate gedauert, bis man sich halbwegs wohl fühlt.
BL: Körperlich geht es Dir also soweit gut. Wie schaut es denn mit dem sozialen und sexuellen Aspekt aus?
Peter: Bis jetzt hatte ich Glück. Ich habe meinen Partnern immer gesagt, dass ich HIV-positiv bin und nur gute Erfahrungen gemacht. Das wundert mich fast, denn in der schwulen Szene ist es ja ein Tabuthema. Man redet nicht darüber oder nur hinter vorgehaltener Hand. Man wird doch schnell ausgegrenzt. Aber ansonsten ist mein Sexualleben ganz normal, alles safe natürlich.
BL: Wie siehst Du denn die wiener Szene bezüglich Safer Sex?
Peter: Ich bin ehrlich gesagt entsetzt, wie gängig unsafe Praktiken sind. Vor allem bei den jüngeren Schwulen, so zwischen 20 und 30. Männer in meiner Generation sind da meist strikter, haben das Thema stärker im Hinterkopf. Man braucht sich gar nicht in bestimmten Clubs oder Foren bewegen, Unsafer Sex wird ganz offen gehandhabt. Diese Naivität, Ignoranz und teilweise sogar Dummheit, die man mitbekommt, ist schon beängstigend.
Als Betroffener natürlich besonders, aber auch einfach als Teil dieser Community, mache ich mir wirklich Sorgen um unsere Szene.
Peter, ich danke für das Gespräch und Deine Offenheit und wünsche Dir persönlich weiterhin alles Gute!