Über Mythen, uncoolen Safer Sex und die Endsolidarisierung mit HIV-positiven Artgenossen.
Seit dem Auftreten der ersten HIV/AIDS-Fälle zählen schwule Männer zu den hauptbetroffenen Gruppen. Während der 1980er Jahre stand die schwule Szene im Zeichen der Angst, des Verlustes und der Ohnmacht auf Grund dieser neuen, sehr bedrohenden, unbehandelbaren und somit tödlichen Krankheit. Es sprach sich rasch herum, dass „sie“ mittels Sex, besonders durch den ungeschützten Analverkehr und durchs Schlucken von Sperma übertragen wird. Genauso rasch sprach sich aber auch herum, dass man(n) sich durchaus sehr effizient vor den todbringenden Viren schützen kann. Auf Grund zahlreicher Safer Sex Initiativen unterschiedlichster Homogruppen wurde das Kondom - vulg. der Gummi - zur sozialen Norm der Community. Das bis in die Mitte der 90er Jahre bestehende Selbstverständnis, ein Kondom beim Sex zu verwenden führte dazu, dass es zu einer deutlichen Entspannung bei den Neuinfektionszahlen unter schwulen Männern kam.
Seit dem aber Medikamente verfügbar sind, mit denen die HIV-Infektion unter günstigen Umständen therapierbar, jedoch keinesfalls heilbar, geworden ist, kam es zu einer massiven Veränderung im schwulen Safer Sex Verhalten. Der bekannte Berliner Sozialwissenschafter Michael Bochow spricht sogar von einer „Erosion des Safer Sex bei einer gleichzeitigen Wiederkehr des Sexuellen“(1).
Was bedeuten diese Worte für den schwulen Laien? Nun, Praktiken wie der unsafe Analverkehr mit der absichtlichen oder besonders herbeigesehnten Ejakulierung in den Anus und das Schlucken von Sperma – Sexualpraktiken also, die in den 80er und bis weit in die 90er Jahre beinahe verpönt waren - erleben eine Renaissance, die ihresgleichen in der Menschheitsgeschichte sucht. DAS Sexuelle, wie Bochow es nennt, ist also zurückgekehrt. Es scheint en vogue geworden zu sein, kein Kondom mehr zum verwenden. Dazu gesellen sich Mythenbildungen wie: „Ich bin ja nur aktiv beim ficken. Also bekomme ich kein HIV.“ Oder „Es gibt ja auch bei einigen Menschen eine Immunität gegen HIV. Nicht wahr?“. Andere wiederum wollen aus zutiefst privat-autonomen Gründen keinen „störenden“ Gummi verwenden. Es gilt den „wahren“ Sex zu genießen.
Besonders nachdenklich macht in diesem Zusammenhang aber die Endsolidarisierung innerhalb der schwulen Community. Denn während vor einigen Jahren noch gegolten hat, dass ich mich und gleichzeitig meinen Sexpartner schütze, wenn beim Sex ein Kondome verwendet wird, so gilt heute vielerorts: Ich verzichte auf den Gummi und du musst ja selbst wissen, welches Risiko du eingehst.
Dementsprechend trist sieht die Situation bezüglich HIV und anderen Geschlechtskrankheiten aus. Täglich infizieren sich 1-2 Personen in Österreich mit HIV und gestorben wird nach wie vor an AIDS. Dazu gesellt sich die bis zu den frühen 1990er Jahren beinahe ausgerottete Syphilis, die besonders in den Schwulenhochburgen wie Paris, Köln, Hamburg, Berlin und auch Wien wütet(e).
Lit.: (1) Vgl. Bochow (2006): Das Internet als neues Medium der Prävention? In: „Soziale Nähe und partizipative Netzwerke als Grundlage der HIV/Aids – Prävention. 2007
Text: Mag. Dominik Bozkurt